Flugdrachen: Kite´n´Art, das ausführliche Drachen-Fachgeschäft für Einleiner, Lenkdrachen, Zubehör & Kunst


windige Tipps zum Thema: Leinenkunde



Flugleistung und Flugvergnügen werden ganz wesentlich bestimmt von den verwendeten Schnüren am Drachen und zum Drachen. Damit nichts am sprichwörtlich seidenen Faden hängt, haben wir diesen kurzen Überblick für die Drachenfliegerpraxis zusammengestellt.

Naturfasern wie Seide, Baumwolle, Sisal (Agave sisalana), Hanf (Cannabis sativa) oder Leinen (Flachs) spielen heute als Drachenschnur nur noch für Liebhaber klassischer Drachen eine (exotische) Nebenrolle. Synthetische Fasern sind leichter, stärker, flexibler und verrotten nicht. Aber auch bei diesen modernen Kunstfasern lohnt es sich, auf die Unterschiede zu achten:
 
 

Nylon:

Erste, seit dem 2. Weltkrieg erfolgreiche Kunstfaser für Seile. Nylon ist federnd dehnbar, geflochtene und gedrehte Seile verlieren bei Nässe bis zu 25% ihrer Festigkeit. Für Drachen ist Nylon eigentlich nur in Form einer glatten Monofilschnur (Angelschnur) als Flugleine für kleine Kinderdrachen und zum unauffälligen Dekorieren von (Kunst-) Drachen in geschlossenen Räumen oder Windspielen im Einsatz.
 

Polypropylen:

Preiswerte, leichte Vielzweckleinen, schwimmfähig aber mit voluminösem Querschnitt (vgl. Foto oben) deshalb als gute Drachenleine schlicht zu dick. Aber wegen der grossen Dehnbarkeit eine erstklassige Schnur z. B. für Bodenanker, Schleppseile etc.. Per Augenschein schwer zu erkennen, weil es viele Varianten als Schnurfaser gibt: sog. Spaltfaserpolypropylen sieht aus wie Nylon, sog. fasriges Polypropylen sieht aus wie Sisal und sog. Schmelzspinnpolypropylen sieht aus wie Polyester. Polypropylen hat einen sehr niedrigen Schmelzpunkt von nur 150 C°, etwa die halbe Tragkraft wie Polyester bei gleichem Druchmesser und sollte vor andauernder UV-Bestrahlung geschützt werden.
 

Polyester:

Polyesterleinen, und die veredelte Faser mit dem Handelsnamen Dacron, stellen die idealen Flugleinen für Einleiner-Drachen. Eine elastische Bruchdehnung von 10 bis 35% der Schnurlänge federt Windböen ab. Die hohe Festigkeit erlaubt kräftige Leinen mit geringem Querschnitt. Der Schmelzpunkt liegt bei reibungsfreundlichen 260 C°, das spezifische Gewicht liegt bei 1,38 (also nicht schwimmfähig) und die Bruchlast ist bei Nässe und Trockenheit gleich.
 

Aramid:

Aramidschnüre sind fast ausschließlich mit der Handelsbezeichnung Kevlar auf dem Markt. Wegen des extrem hohen Schmelzpunktes von 425 C° (läßt sich mit einem Feuerzeug nicht verschmelzen) ist Kevlar auf Drachenfesten verpönt und geächtet, da diese Leinen alle anderen Drachenschnüre durchschneiden!!! Kevlar hat extrem wenig Dehnung (4 - 5% bis zur Bruchlast) und die Tendenz, sich selbst innerhalb von Knoten zu durchtrennen, weshalb Ummantelungen im Knotenbereich sehr wichtig sind. Eine tolle Faser für Schusswesten, aber für Drachen von eher geringer Bedeutung.
 

Hochmodulpolyäthylen (HMP):

HMP, besser bekannt als Markenname Dyneema oder Spectra, liefert die idealen Leinen für Lenkdrachen, da ihre extrem dünnen, leichten und vor allem dehnungsarmen Fasern den optimalen Kontakt zum Drachen herstellen: Eine maximale Bruchlastdehnung von 3 bis 4 % bei einem spezifischen Gewicht von nur 0,95 und einem verarbeitungsfreundlichen Schmelzpunk von 150 C° sind die technischen High-End-Werte. Zur Schonung dieser wertvollen (und auch teuren) Fasern, sollte man diese dünnen Superschnüre (vgl. Foto oben) im Bereich von Knoten stets mit Mantelgeflechten aus Polyester schützen.


Gedrehte Drachenschnur ist billig - in jeder Hinsicht. Deshalb sind die sog. “Supermarkt-Drachen” und auch manche low budget Kinderdrachen mit solchen Ärgernissen ausgestattet, die man eigentlich gar nicht als “ready to fly”-Ausstattung akzeptieren sollte. Denn spätestens beim zweiten Gebrauch wird klar, dass sich gedrehte Schnur allein durch unterschiedlichen Zug und das Wickeln um einen Griff stark verdrillt; und eine stark verdrillte Schnur neigt bei nachlassender Spannung zum Vertüdeln und Verknoten ... Eine geflochtene 15kg - Dacronschnur ist etwa 7 mal so teuer wie eine gedrehte 15kg - Polypropylenschnur gleicher Länge! Auch wenn die Flechtschnur 100mal länger hält und 700mal mehr Freude macht, werden die Gesetze des Marktes diese leidigen Drehschnüre wohl niemals abschaffen - auch wenn damit gerade Drachenneulingen immer wieder der Einstieg schwer gemacht wird.

Flechtschnüre aus Polyester oder Dacron sind also die unbedingt empfehlenswerten Flugleinen für Einleiner-Drachen. Bei großen Drachen spielt das Verhältnis von Zugkraft und dem Winddruck auf die Leine keine so große Rolle mehr, so dass hier auch relativ preiswerte, locker geflochtene Polyesterleinen empfehlenswert sind. Bei kleinen Drachen oder speziellen Leichtwinddrachen lohnt es sich, auf eine Dacronleine mit enger Flechtung und kleinem Querschnitt zu achten - die guten Flugleistungen werden Sie für den etwas höheren Preis entschädigen.

Ummantelte Schnüre, bei denen eine ringförmige Flechtung aus Polyester einen gedrehten Kern, die sog. Seele, umschliesst, werden bei hochwertigen Sportdrachen als Waageleinen eingesetzt. Meist ist die Seele aus Dyneemafasern, deren minimale Dehnung und extreme Festigkeit durch den Polyestermantel kombiniert wird mit gut geschützten / haltbaren und exakt zu setzenden Knoten. Eine teuere Luxusschnur für exakte Waagegeometrie trotz vieler Knoten.

Lenkdrachen sollten mit maximal exakter Kontrolle (= minimaler Dehnung) und minimalem Luftwiderstand (= minimalem Schnurquerschnitt) geflogen werden - also mit Flechtschnüren aus HMP / Dyneema. Durch thermische Vorreckung, bei der die Fasern quasi parallel verdichtet werden, oder spezielle Oberflächenveredelungen, die die Reibung optimieren, haben sich etliche high end Produkte etabliert. Allen ist gemeinsam, dass die dünnen, empfindlichen Schnüre an den Endschlaufen im Knotenbereich geschützt werden sollten. Dies wird durch das Aufziehen von sog. Hohlschnüren aus Polyester erreicht, die dann diese Lenkleinen an den Endschlaufen polstern.

Als sog “Blendline” bezeichnet man Drachenleinen aus einer Mischfaser von Dyneema und Polyester. Preis und Qualität liegen in etwa in der goldenen Mitte zwischen den sortenreinen Varianten. Hauptsächlich finden sie Verwendung in ready to fly - Sets bei Lenkdrachen der anspruchsvolleren Einsteigerklasse.

Seit 2004 ist eine weitere Neuerung des Drachenherstellers HQ auf dem Markt: Q-Fusion heißt die neue, besonders preiswerte Lenkdrachenschnur für Einsteiger, die quasi nach dem Prinzip einer Kupferlitze aufgebaut ist: ein locker gedrehtes Bündel von Dyneemafasern wird durch einen glatten (nicht geflochtenen) Polyesterüberzug gebündelt und vereint somit praktikabel den niedrigen Preis einer gedrehten Schnur mit den hochwertigen Eigenschaften der Dyneemafasern - ohne teuere Flechtung für einen Mantel.
 

 


Tipps für die Drachenschnur- Praxis

 

Verdrillungen vermeiden!

Wicklungen um eine Spule, Haspel, einen Winder oder Handgriff erzeugen mit jeder Wicklung einen Längsdrall in der Schnur. Eine stark verdrillte Leine wird geschwächt und birgt vor allem die sehr lästige Gefahr von Verknotungen sobald die Spannung nachlässt. Auf eine möglichst verdrillungsfreie Drachenleine sollten sie immer bedacht sein. 
Bei neuen Lenkdrachenschnursets sind die beiden Leinen oft parallel AUFGEROLLT (siehe Foto rechts oben). Machen Sie sich die Mühe, die Leinen beim ersten Gebrauch sorgsam abzurollen (also nicht zur Seite abziehen). Und wickeln Sie die Leinen fortan IMMER in Form einer liegenden 8 parallel auf den Winder (siehe Foto rechts unten). Die “8” besteht aus einem halben Schlag links herum und einem halben Schlag rechts herum, die sich also gegenseitig aufheben und auf Dauer die Leinen völlig frei von Verdrillungen halten, auch dann, wenn man beim Aufbau die Leinen seitlich über die Winderkante abrutschen lässt.
 
 
Beim Gebrauch einer Drachenspule hält man die Schnur beim Einholen entweder durch einen Wirbelkarabiner frei von Verdrillungen oder durch folgende Wickeltechnik: Spule in der linken Hand - rechte Hand wickelt 20 Umdrehungen auf, dann die Spule in die rechte Hand wechseln und mit der linken Hand die nächsten 20 Wicklungen in die selbe Richtung durchführen... Das Ergebnis: 20 Verdrillungen nach links und 20 Verdrillungen nach rechts ergeben zusammen 40 drallfreie Wicklungen! Die Intervallgröße ist natürlich frei wählbar. In der Praxis kann man das auch ganz entspannt angehen lassen, indem man bei einem deutlichen Leinenspinn beobachtet, ob die Verdrillungen beim momentanen Wicklen zunehmen oder abnehmen, um dann ggf. die Spule in die andere Hand zu nehmen.

 

Vorsicht Knicke und Knoten!

Alle scharfen Biegungen schwächen die Leine, auch Knoten. Deshalb sollte man alle vermeidbaren Knoten vermeiden und die unvermeidbaren möglichst fachmännisch ausführen. Siehe hierzu auch unsere windigen Tipps zum Thema Knoten! Aus diesem Grund sollte man auch stets vermeiden, auf eine am Boden liegende Schnur zu treten und mögliche Bodenanker immer auf eine die Schnur schonende Befestigungsmöglichkeit hin auswählen (vgl. unseren Kitefix Spezialbodenanker). Bei Einleinern lassen Sie am Besten immer ein paar Wicklungen auf der Spule / dem Handgriff, um den Befestigungknoten am Leinenende zu entlasten (den Sie beim ersten Gebrauch vorsichtig auf gundsätzliche Eignung prüfen sollten - sofern Ihr Schnurset nicht von uns stammt :-))

 

Vorsicht Nässe!

Warum sollte man bei synthetischen Leinen Feuchtigkeit beachten? Erstens weil auch Kunstfasern Stockflecken ansetzen - also nasse Leinen alsbald trocknen. Zweitens werden insbesondere Einleinerschnüre aus Polyester und Dacron oder Nylon bei Nässe etwas länger. Wenn also eine solche Schnur nass unter Zug auf eine Spule gewickelt wurde und sich beim Trocknen zusammenzieht, dann können sich enorme Kräfte bis zum Platzen der Spule addieren. Drittens mögen auch moderne Hochleistungleinen keine Salzkristalle auf Dauer zwischen den Filamenten. Sollte die Leine also weitläufig im Meerwasser abgesoffen sein, so kann man die aufgeräumte Leine samt Spule bequem entsalzen durch ein ganztägiges Bad in einem Wassereimer (das Diffusionsprinzip löst das Salz).

 

Vorsicht Verletzungen!

Dyneemafasern sind stärker als Stahl (Niro-Draht)! Drachenleinen können in Kopfhöhe mit bis zu 80 km/h und einer Spannung von mehr als 100 kp Zugkraft horizontal über die Wiese sausen ... so dünn, dass man sie praktisch nicht sieht! Die Gefahr von erheblichen Schnittverletzungen darf aber auch bei Einleinern nicht unterschätzt werden. Der Wind kann plötzlich auffrischen und selbst “starke Männer” in starke Bedrängnis bringen. Deshalb sind stets Handschuhe, gute Bodenanker und / oder kräftige Helfer ebenso zu berücksichtigen wie unsere Sicherheitsregeln.

 

Vorsicht Schnursalat!

Ihre Drachen fliegen nur, WEIL sie an einer Schnur hängen! Gute Drachenschnüre sind wichtig und kostbar; wenn man sie gut behandelt, dienen sie vielen Drachen und überleben diese regelmässig. Voraussetzung ist lediglich die Bereitschaft, beim Aufräumen die Disziplin und Sorgfalt walten zu lassen, die den nächsten Gebrauch bereits ordentlich vorbereitet. Verwahren Sie Ihre Drachenleinen trocken und nicht in direkter Sonnen- / UV-Strahlung. Für Leinen mit Wirbelkarabinern auf Spulen ist die unten abgebildete locker eingehängte Schiebeschlaufe eine einfache Methode, das Durcheinander von Schnurenden in der Drachentasche zu vermeiden...
 


Zur Belastbarkeit von Drachenleinen


Die Stärke, die Reißfestigkeit einer Leine wird meist als Bruchlast bezeichnet, die die maximale Tragkraft dieser Schnur angibt. Physikalisch wird Kraft in den Einheiten Kilopond ( kp ) oder Newton ( N ) ausgedrückt. Die Abkürzung “da” steht für “Deka”, was schlicht “Faktor 10” bedeutet.
1kp ist die Kraft, die eine Masse von 1kg auf der Erde durch ihr Gewicht ausübt. Bei einer durchschnittlichen Erdbeschleunigung von g = 9,81 m/s² ergibt die Formel F = m x g

1 kp = 9,81 N also 10 N = 1 daN = 1,02 kp

International werden Bruchlasten für Seile, Leinen, Fasern in der Einheit Deka-Newton (daN) angegeben, was man mit hinreichender Genauigkeit im alltäglichen Sprachgebrauch mit “kg” bzw. “kp” gleichsetzen darf. Die Bruchlastangaben der Schnurhersteller sind allerdings Laborwerte, die in der Praxis kaum zu erreichen sind, weil Knoten und scharfe Biegungen die Belastungsfähigkeit erheblich verringern. Zudem darf die maximale Bruchlast keinesfalls mit der “sicheren Arbeitslast” verwechselt werden, die wesentlich niedriger anzusetzen ist: Bei einer neuwertigen Leine können als ungefähre Richtwerte für die sichere Arbeitslast gelten:
- 1/3 (33%) der Bruchlast bei materialgerechtem und risikofreiem Einsatz
- 1/5 (20%) der Bruchlast bei normalem Einsatz
- 1/10 (10%) der Bruchlast unter riskanten Bedingungen.

Ein Rechenbeispiel: Ihr Drachen entwickelt eine Leinenzugkraft von etwa 7 kp. So sollte unter normalen Umständen Ihre Drachenleine etwa das drei- bis fünffache dieser Kraft als Bruchlastwert aufweisen, also etwa 21daN bis 35 daN.  Vorausgesetzt Sie verfügen in Ihrem Equipment über Leinen mit 25daN, 40daN, 65daN, 110daN (=eine typische Staffellung). Dann wäre in diesem Fall beim Griff nach der 25daN-Leine die beste Flugleistung zu erwarten, die 40er Leine würde den besten Kompromis aus Performance und Sicherheit darstellen und alle dickeren Größen würden nur unnötig die Flugleistungen verschlechtern.
 
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