Typische Einsteiger-Irrtümer
In unserer langjährigen Beratungspraxis als Drachenfachgeschäft treffen wir gelegentlich auf stetig wiederkehrende Annahmen zum Thema, die der Wirklichkeit nicht so recht Stand zu halten vermögen.
Damit Sie solcherlei Fehleinschätzungen nicht auf den Leim gehen, haben wir hier einige dieser bei Drachen-Neulingen z.T. verbreiteten typischen Irrtümer aufgelistet und mit knappen Erklärungen zu berichtigen versucht ...
|
|
 |
Irrtum Nr. 1: “Zum Anfangen und Ausprobieren reicht erst einmal ein kleiner Drachen.”
Aber bitte nicht zu klein, denn diese Haltung entspräche sonst etwa dem Rat an einen neuen Segelschüler, zum Anfangen und Ausprobieren erst einmal mit einem möglichst kleinen Segelboot auf´s offene Meer zu fahren! Kleine Drachen verhalten sich wie die sprichwörtliche Nussschale in der Dünung hoher See, während größere Drachen (wie größere Schiffe) sich vergleichsweise ruhiger bewegen. Dies gilt für Einleiner und Lenkdrachen, wobei die ganz großen Exemplare aufgrund ihrer hohen Zugkräfte weniger für Einsteiger zu empfehlen sind.
Für Lenkdrachen sei noch ein Vergleich gestattet: Stellen Sie sich vor, Sie sollten ohne Training mit einer Fernsteuerung bei gleicher Geschwindigkeit (= Wind) einmal eine Maus (= kleiner Drachen) und einmal ein Pferd (= großer Drachen) über einen Parcours steuern. Vermutlich würde das Pferd gerade mal zu traben beginnen, während die Maus, kaum noch mit den Augen verfolgbar, schon längst im Zickzack-Kurs unbeabsichtigt an Hindernisse knallt - genauso brutal gestalten sich Bodenkontakte bei kleinen “Anfänger”-Lenkdrachen!
Also, wegen der möglichen Gefährdungen sollte man gerade bei Lenkdrachen nicht mit zu großen Exemplaren starten aber neben der Eignung des Drachentyps auch auf eine gewisse Mindestgröße achten, die etwa 150cm Spannweite möglichst nicht unterschreiten sollte.
--------------------
Irrtum Nr. 2: “Wenn der Drachen bei wenig Wind schon fliegt, dann fliegt er bei viel Wind erst recht.”
Diese Fehleinschätzung beflügelt vor allem den Ersatzteilhandel und den Frust vieler Einsteiger, denn ein dumpfes “Viel-hilft-viel-Motto” ist hier ebenso falsch wie der Glaube, dass ein Formel 1 Renner mit 500kW einen steckengebliebenen Geländewagen 100mal schneller aus einem Schlammloch ziehen könne als eine Seilwinde mit 5kW Leistung!
Es gibt Drachen, die sind besonders schnell oder besonders zugstark oder besonders präzise oder besonders trickreich und alle diese Drachen können für besonders viel Wind oder besonders wenig Wind oder ganz besonders für durchschnittliche Windverhältnisse konstruiert sein. Aber es gibt gewiss ebenso wenig Schwachwindsturmdrachen wie es je militärische Abfangjäger als Segelflugzeug geben wird!
Alles was fährt oder fliegt oder sonst wie arbeitet hat seinen Einsatzbereich in dem es funktioniert und dieser Einsatzbereich (beim Drachen ist das maßgeblich der Windbereich) hat seine oberen und unteren Grenzen. Deshalb ist bei jedem Drachen der empfohlene Windbereich ausdrücklich angegeben. Wenn Sie die untere Grenze unterschreiten wird meist nicht viel passieren. Wenn Sie die obere Grenze überschreiten (und sei es nur in einer kurzen Boe) riskieren Sie Schadensereignisse.
--------------------
Irrtum Nr. 3: “Mit der Leinenlänge wächst der Flugspaß.”
Grundsätzlich sind ohne Sondererlaubnis nur Drachenleinen bis zu 100m Länge gestattet. Sondergenehmigungen bezügl. einer erweiterten Höhenfreigabe sind auf Drachenfesten öfter einmal gegeben, dann kann man an seinem Einleiner Schnur geben, bis zur Höhenfreigabe oder bis die Leine waagrecht von der Rolle läuft ... (Auch wenn von der Schönheit des Drachens nicht mehr viel zu erkennen ist, hat diese Erfahrung ihren eigenen Reiz.)
Ganz anders bei Lenkdrachen: Im Gegensatz zum Einleiner stellt der Lenkdrachen seine Leinen meist schräg zum Wind. Und je schräger die Leinen zum Wind stehen, weil der Drachen an den Rand seines Windfensters fliegt, um so geringer werden die Zugkräfte des Drachens. Der seitliche Winddruck auf die Leinen wird diese also immer stärker durchbiegen, je weiter der Drachen aus der Mitte herausfliegt. Da können die besten, dehnungsärmsten, teuersten und dünnsten Dyneemaleinen schnell all ihre Vorzüge verlieren und der direkte Kontakt zum Kite schwammig und weich werden, wenn die Leinen zu lang sind.
Um mit Ihren großen Lenkmatten effektiv gegen den Wind zu kreuzen, nutzen Buggyfahrer im Renneinsatz Leinenlängen von unter 20m. Trickdrachen und Allrounder sind oft mit 25m langen Leinensets ausgestattet. Für den Einstieg und das entspannte “Schönfliegen” eignen sich Schnurlängen von 30 bis 35m. Entscheidend ist jedoch immer, dass der Lenkdrachen die Leinen möglichst gut zu spannen in der Lage ist. Also können größere, zugkräftigere Drachen auch mal längere Flugleinen (35 bis 50m) vertragen.
Wer aber einen Allrounder-Trickdrachen mit 2m Spannweite an 50m-Leinen (oder noch länger?) zu fliegen beabsichtigt, sollte das Geld für teure Lenkdrachenleinen lieber gleich in einen Einleiner investieren, denn vom Lenkverhalten des Trickdrachens würde kaum noch etwas erhalten bleiben...
--------------------
Irrtum Nr. 4: “Drachen sind auch gute Segel für Paddelboote.”
Eine Segelyacht hat schon, ausschließlich von Drachen gezogen, den Atlantik überquert und riesige Lenkdrachen werden zur Treibstoffersparnis an großen Frachtschiffen kommerziell genutzt. Aber für Schlauchboote und Kanus sind Drachen kaum von Nutzen, weil diese keine ausreichenden Seitenkräfte aufnehmen können.
Rechenbeispiel: Drachen X baucht 10km/h Luftströmung um zu schweben. Der Wind weht mit 20 km/h. Der Drachen wird am Boot befestigt und zieht das Boot genau in Windrichtung. Die Kraft die nötig ist, um ein Freizeitboot mit etwa 5km/h zu ziehen ist bei konstanter Leinenspannung sehr gering, etwa so gering wie die Zugkraft des Drachens, der nun knapp davor ist, vom Himmel zu sinken. Also ist kräftig bremsen angesagt, um den Drachen oben zu halten. Und vermutlich wendet man beim Bremsen mit dem Paddel mehr Kraft auf als nötig wäre, selbstbestimmt mit ca. 3km/h bei Rückenwind vorwärts zu fahren - ein jämmerliches Ergebnis!
Zum Vergleich: ein Kiteboarder oder Buggyfahrer kann mit seinem Kite mehr als das 2-fache der Windgeschwindigkeit in Fahrleistung umsetzen, also bei 20hm/h Windgeschwindigkeit etwa 40km/h Fahrgeschwindigkeit erzeugen - allerdings auf einem sog. Halbwindkurs, also rechtwinklig zur Windrichtung! Freizeitboote verfügen nicht über Kiele und Schwerter, die in der Lage wären, die auftretenden Seitenkräfte beim Ankreuzen oder auch nur für Raumwind- oder Halbwindkurse aufzunehmen. Hier bleibt nur die Möglichkeit, einen ganz kleinen, zugschwachen Drachen zu wählen, der vom Widerstand des Bootes sicher am Himmel gehalten wird und bei auffrischendem Wind mit dem Paddel als Ruder möglichst quer zur Windrichtung zu steuern.
--------------------
Irrtum Nr. 5: “Drachenschäden durch Nichtstun müssen Garantiefälle sein.”
Selbstverständlich gibt es auch bei Drachen seltene Produktionsfehler, die einen ebenso selbstverständlichen Garantieanspruch begründen. Hier geht es um Unterlassungen im Flugbetrieb, die sich im Laden meist so anhören: “Der Drachen flog gut. Dann kam eine Böe. Ich hab überhaupt nichts gemacht! Jetzt ist was kaputt. Das muss ein Garantiefall sein, denn so was muss er doch aushalten können...” Zur Erläuterung ersetzen wir in diesem Zitat zwei analoge Begriffe: “Das Auto fuhr gut. Dann kam eine Kurve. Ich hab überhaupt nichts gemacht! Jetzt ist was kaputt. Das muss ein Garantiefall sein???”
Also, beim Führen eines Fliegzeugs kann das Unterlassen einer angemessene Reaktion sehr wohl zu einem “Benutzerfehler” werden, denn ein Drachen fliegt eben nicht von alleine. Ob Modellflugzeug, Fahrrad, Drachen, Segelboot oder Pkw - aller Anfang ist mit erhöhtem Unfallrisiko verbunden. Aber keine Angst, wichtige Infos für die Lernphase finden Sie bei unseren Tipps für einen erfolgreichen Einstieg - insbesondere zum Entlasten der Leinenspannung beim drohenden Absturz durch eine energische Eigenbewegung in Windrichtung!
Und noch etwas: Die allermeisten Gestängebrüche werden zwar erst beim Drachenflug bemerkt, wenn die Splitterung voranschreitet, sind aber meist zuvor am Boden ausgelöst worden, an der Autotür, mit dem Fuß beim Aufbau auf der Wiese oder beim vor- vorletzten Absturz, oder (gar nicht so selten!) von einem spielenden Hund, oder oder... Glauben Sie es: ein intaktes Drachengestänge hält die Flugbelastungen im angegebenen Windbereich aus. Aus diesen Gründen kann das Gestänge bei Drachen nur zum Verbrauchsmaterial gezählt werden, auf das (ab Ingebrauchnahme) kein Garantieanspruch möglich sein kann. Sorry for that! Aber zum Trost: Wir halten bei Kite n Art für alle bei uns geführten Drachen die passenden Ersatzteile auf Lager für den Fall der Fälle bereit.
--------------------

|